Weisheit in Worten

Wir sind gemacht für diese Zeiten


Meine Freundinnen und Freunde, verliert nicht den Mut! Wir sind gemacht für diese Zeiten.
Ich habe in der letzten Zeit von so vielen gehört, die zutiefst verwirrt sind. Sie sind betroffen
von den Geschehnissen in unserer jetzigen Welt. Es ist für uns eine Zeit fast täglichen
Erstaunens und oft gerechter Wut über die letzten Unterhöhlungen dessen, was den meisten
zivilisierten, klarsichtigen Menschen wichtig ist.
Du liegst richtig mit Deiner Sicht. Den Ruhm und die Macht, die manche erreicht haben,
indem sie abscheulichste Handlungen gegen Kinder, Alte, ganz normale Menschen, Arme,
gegen die Ungeschützten, Hilflosen unterstützten, verschlägt einem schier den Atem.
Und doch dränge, bitte, besänftige ich Dich: Verausgabe Dich nicht damit, Deinen Geist
auszudörren, indem Du diese schwierigen Zeiten beklagst. Und verliere vor allem nicht die
Hoffnung. Und zwar ganz besonders deswegen:
Tatsache ist, dass wir für diese Zeiten gemacht sind.
Ja. Seit Jahren haben wir gelernt, praktiziert und uns dafür geübt. Und nur darauf gewartet,
auf genau diese Herausforderung für unsere Gelübde zu treffen.
Ich wuchs bei den großen Seen auf und erkenne ein seetüchtiges Schiff, wenn ich eines
sehe. übertragen auf erwachte Seelen waren niemals mehr fähige Schiffe auf den
Gewässern als es sie jetzt gibt – überall auf der Welt. Und sie sind vollständig ausger?stet
und mehr als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit dazu befähigt, eines dem
anderen Signale zuzusenden.
Schau hinaus über den Bug: Da sind Millionen von Booten aufrechter Seelen mit Dir
zugleich auf den Wassern. Auch wenn Deine außenplanken von jeder Welle in dieser
stürmischen Trübnis erzittern: Ich versichere Dir, diese Hölzer, aus welchen Dein Bug und
Deine Ruder gebaut sind, kommen aus einem höheren Wald. Diese langfaserigen Bohlen
sind bekannt dafür, Stürmen zu widerstehen, zusammen zu halten, stabil in sich selbst zu
sein und voran zu kommen. Unbeschadet.
In jeder dunklen Zeit gibt es eine Neigung, über all dem Ungerechten und Ungeheilten in der
Welt in eine Ohnmacht abzudriften. Fixiere Dich nicht darauf. Auch gibt es eine Neigung
dazu, in Schwäche zu verfallen, weil Du Dich vielleicht in etwas verbeißt, was außerhalb
Deiner Reichweite liegt, was jetzt einfach noch nicht sein kann. Konzentriere Dich nicht
darauf. Es ist, als würdest Du den Wind verschwenden, ohne die Segel zu setzen.
Wir werden gebraucht. Das ist alles, was wir wissen können. Und obgleich wir auf
Widerstand treffen werden: Viel häufiger werden wir auf große Seelen stoßen, die uns
freudvoll beGrößen werden, uns lieben werden und führen. Und wir werden sie erkennen,
wenn sie erscheinen.
Sagtest Du nicht, Du seiest eine Glaubende oder ein Glaubender? Sagtest Du nicht, Du
gelobtest, auf eine Größere Stimme zu hören? Batest Du nicht um Hilfe und Führung?
Erinnerst Du Dich nicht, dass Hilfe und Führung bedeutet, sich dieser Größeren Stimme zu
unterwerfen?
Es ist nicht unsere Aufgabe, die ganze Welt auf einmal in Ordnung zu bringen, sondern uns
anzustrengen, den Teil der Welt zu verbessern, der in unserer Reichweite ist. Jedes kleine,
stille Etwas, das eine Seele tun kann, um einer anderen Seele zu helfen, um einen kleinen
Teil dieser armen, leidenden Welt zu unterstützen, wird von unermesslicher Hilfe sein. Es ist
uns dabei nicht gegeben, zu wissen, welche Handlung – oder von wem – die kritische Masse
dazu bewegen wird, auf die Seite eines dauerhaft Guten zu kippen.
Was für einen dramatischen Wandel benötigt wird, ist die Anhäufung von Handlungen:
hinzufügend, dazu hinzufügend, noch mehr hinzufügend ? immer so weiter. Wir wissen,
dass es nicht jeden auf der Erde dazu braucht, um Gerechtigkeit und Frieden zu bringen,
sondern nur eine kleine, begrenzte Gruppe, die nicht aufgibt beim ersten, zweiten oder
hundertsten Sturm.
Eine der am besänftigendsten und kraftvollsten Handlungen, die Du tun kannst, um in einer
stürmischen Welt zu vermitteln, ist aufzustehen und Deine Seele zu zeigen. Seele an Deck
leuchtet wie Gold in dunklen Zeiten. Das Licht der Seele wirft Funken, kann Leuchtkugeln
nach oben senden, Signalfeuer entzünden, und es erschafft die richtigen Bedingungen, um
Feuer zu fangen. Die Laterne der Seele in schattigen Zeiten wie diesen deutlich sichtbar zur
Schau zu stellen ? standhaft und leidenschaftlich zu sein und Erbarmen gegenüber anderen
zu zeigen ? dies beides sind Handlung von immenser Tapferkeit und von größter
Notwendigkeit.
Kämpfende Seelen können so Feuer fangen von Seelen, die voller Licht sind und bereit, es
zu zeigen. Wenn Du helfen würdest, den Tumult zu beruhigen, wäre dies eines der stärksten
Dinge, die Du tun kannst.
Es wird immer Zeiten geben, in denen Du Dich mutlos fühlen wirst. Ich habe ebenfalls viele
Male in meinem Leben die Verzweiflung Gefühlt. Aber ich halte keinen Stuhl für sie frei. Ich
werde sie nicht unterhalten. Sie darf nicht von meinem Tellerchen essen.
Der Grund dafür ist der: Zutiefst im Innern meiner Knochen trage ich ein Wissen so wie Du
es auch tust. Es ist das Wissen, das es keine Verzweiflung geben kann, wenn Du Dich
erinnerst, warum Du zur Erde gekommen bist, wem Du dienst und wer Dich hergesandt hat.
Die guten Worte, die wir sagen, und die guten Taten, die wir tun, sind nicht die unseren. Sie
sind Worte und Taten des Einen, das uns hergebracht hat. In diesem Geist, hoffe ich,
schreibst Du Dir folgendes an die Wand:
Wenn ein großes Schiff im Hafen liegt, festgemacht am Kai, dann ist es sicher. Daran
gibt es keinen Zweifel.
Aber dies ist nicht die Aufgabe, für die große Schiffe gemacht sind.
Text von Clarissa Pinkola Estes, amerikanische Dichterin, Trauma-Therapeutin und
jungianische Psychoanalytikerin, Autorin von ? Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen
Urinstinkte?

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